Donnerstag , 17 August 2017

«Hender scho?» – Ein paar ernste Gedanken zur Gastronomie

Bei unserem letzten Besuch eines guten Speiselokals erlebten wir wie krasse Gegensätze direkt aufeinander trafen. Es verdeutlichte uns einmal mehr, dass der Wohlfühlfaktor zu einem grossen Teil vom Verhalten des Personals abhängig ist. Lass mich das Erlebte kurz schildern.

Die Gastronomie ist ein hartes Pflaster. Schnell wird geurteilt und es «menschelt» stets.... / Symbolbild © foto-huwi.ch

Wir betraten also das Restaurant und liessen zuerst unsere Blicke durch das schön gestylte Lokal streifen. Eine sehr junge, aber äusserst motivierte und fröhliche Serviceangestellte begleitete uns dann zu einem freien Tisch, reichte kurz darauf die Speisekarten und nahm unsere Getränkebestellung auf. Beim Lesen der Weinkarte amüsierten wir uns ob den blumigen und originellen Beschreibungen (was ist denn z.B. «ein grosser Spassfaktor»?), was wir die junge Dame auch mit einigen netten, augenzwinkernden Bemerkungen wissen liessen. Sie reagierte prompt mit ihrer schlagfertigen und humorvollen Art, ihre Fröhlichkeit war regelrecht ansteckend und machte bereits den Einstieg zum (positiven) Erlebnis.

Wir öffneten nun also die Speisekarten, versuchten uns all die leckeren Gerichte «im Munde» vorzustellen. Nach und nach kristallisierten sich unsere kulinarischen Favoriten heraus. Mitten in unserer schwierigen Entscheidungsfindung kam die zweite, etwas ältere Servicekraft an den Tisch, zückte Block und Stift und liess ein wortkarges «Hender scho?» auf uns los. Naja, leicht irritiert waren wir schon, denn wir waren ja schliesslich nicht in einem Festzelt zugegen,  wo man solche unvollständigen Sätze, nennen wir es Satzfragmente, vielleicht noch erwarten würde. Dennoch liessen wir uns nicht aus der Ruhe bringen und baten um einen Aufschub, wie immer mit einem fröhlichen Lächeln wider dem tierischen Ernst.

Einige Minuten später steuerte die Dame erneut auf uns zu. Ihrer fordernden Präsenz war zweifelsfrei zu entnehmen, dass Ihre einzige Wortmeldung «Und?» übersetzt eigentlich «Haben Sie schon etwas auf der Karte entdeckt? Oder brauchen Sie noch etwas Zeit?» heissen sollte. :-/

Wir bestellten also. Eine kleine Portion Spätzli für den Jungen. «Normal?» war die Gegenfrage. Ja was denn nun? Nein, eine kleine Portion. Tim wiederum interpretierte die Frage insofern, ob es klassische Spätzli oder eine Variante mit weiteren Zutaten sein sollte. Missverständnisse können vorkommen, mit einsilbigen Frageworten wird die Problematik jedoch eindeutig verschärft statt gelöst. Ich erkannte die Situation glücklicherweise frühzeitig und so konnten wir diese Bestellung korrekt abschliessen.

Bei meiner Frau hatte es jedoch nicht so gut geklappt. Prompt erhielt sie das falsche Gericht geliefert. Als sie bei der Bedienung nachfragte, ob sie das falsche Gericht notiert oder sich die Küche geirrt habe – sie habe doch das Rindsfilet mit Morchelnsauce bestellt – schaute sie zuerst etwas konsterniert drein, ging dann ziemlich wortlos zum Tresen und überraschte uns mit einer Reaktion, die man in einer solchen Situation definitiv nicht in einem guten Lokal erwarten würde.

Sie stand hinter meiner Frau und sagte: «Und jetzt?»

Wir waren sowas von perplex! Was heisst den hier «Und jetzt?», sie hatte einen (grundsätzlich verzeihbaren) Fehler gemacht und da wäre doch zumindestens einmal eine freundliche Entschuldigung und dann ein Lösungsvorschlag angebracht. Ein lapidares «Und jetzt?» geht da einfach mal gar nicht.

Die Blicke meiner Frau und von mir trafen sich und sprachen Bände. Meine Liebste ist nun ja wirklich kein sturer Bock und bot ohne jeglichen Groll an, dass sie gerne auch das gekochte Mahl verspeisen werde. Es wäre doch jammerschade, wenn dieses weggeworfen werden müsse. Die Bedienung nahm das zur Kenntnis, immer noch ohne jegliches Zeichen eines noch so leichten Bedauerns. Immerhin fragte sie dann noch, ob meine Frau eventuell noch Morchelsauce dazu wünsche… «Ja, gerne.»

Hmmm… nun ja, jetzt stell Dir mal folgendes vor: Auf dem Teller liegt eine Portion Rindsfiletwürfeli an einer wirklich ausgezeichneten Senfsauce, daneben leckere Nudeln. Du stichst gerade ein Stück auf Deine Gabel und die Bedienung tritt zu Dir und schöpft kommentarlos Morchelsauce über die Rindswürfeli an Senfsauce. Wir trauten unseren Augen nicht, Sauce über Sauce. Daneben oder gerne auch über die Nudeln und man hätte die verschiedenen Saucen auch unterscheidbar geniessen können, aber doch bitte nicht einfach über alles, getreu dem Motto «Im Magen kommt dann eh alles zusammen.» *Kopfschüttel*

Danach wurden wir wieder von der jungen Serviceangestellten bedient. Von da an war es wieder top! Kaffee und Dessert wurden uns als nette Geste der Entschuldigung sogar noch offeriert.

Ich nenne den Namen des Lokals bewusst nicht, denn diese Geschichte führte uns deutlichst vor Augen, welche meinungsbildende Wirkung gutes, bzw. schlechtes Personalverhalten auf das Empfinden der Gäste hat. Es braucht überhaupt kein grossartiges Getue und Gehabe, nein, schon ein freundlicher, zuvorkommender und vor allem kommunikativer Umgang mit den Gästen reicht und schon wird die Botschaft eines guten Lokals mit netter Bedienung nach aussen getragen und die Kunden kommen wieder.

Wenn wir andererseits nur mit der wortkargen Bedienung zu tun gehabt hätten, wären wir wohl dazu geneigt gewesen, das Lokal künftig links liegen zu lassen.

Das Essen war übrigens traumhaft lecker, von der Vorspeise bis zur Nachspeise… ein weiterer Besuch ist sicher.

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5 comments

  1. Ich würde die Restaurantleitung via Email auf diesen Artikel hinweisen. Du wirst zwar keine Reaktion bekommen, aber das alte Problem „ich kann Fehler nur lösen wenn ich davon erfahre“ gilt nicht nur für Softwareentwickler.

    Ich habe so ein Restaurant bei mir in der Nähe, wo wir ich glaube 3 Anläufe gemacht haben und jetzt aufgegeben haben. Ich habe ein entsprechendes Email geschrieben, warum wir jetzt weg bleiben werden und wieviele Leute da dran hängen. In dem Fall ist es aber eher so, dass das Restaurant/Hotel von einem Cateringunternehmen übernommen wurde und der Unterschied zwischen Kantinenverpflegung und Gastronomiebetrieb sich offenbar noch nicht rumgesprochen hat.

  2. Frustig, frustig!!!
    Bin der Meinung, dass der/die Vorgesetzt(e/-in) über dieses kundenunfreundliche und unprofessionelle Verhalten Bescheid wissen sollte. Würde ihn/sie deshalb in einer solchen Situation herbeirufen lassen.

  3. Ich würde dies zuerst auch direkt der Restaurantleitung mitteilen. Und sollte die kein Gehör für solche Feedbacks haben, gibt es ja immer noch Internetdienste wie zum Beispiel „MyTable“, auf denen man Restaurants bewerten kann.